Krisenkommunikation – gelernt vom Opa

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Es gibt aktuell viele Möglichkeiten und Anlässe, den Umgang mit der Kommunikation in einer„Krise“ zu studieren. Mir geht es hier um die Situation, wenn sich die Stimmung in sozialen Netzen und in Communities gegen einen richtet, wenn es so scheint, dass alle auf einmal die Worte auf die Goldwaage legen, wenn sich die Stimmung hochschaukelt. Ob nun in der Politik oder aktuell für einen Fußballfunktionär; viele hätten besser auch so einen Opa gehabt.

Mein Opa war ein toller Mann. Er wusste genau, wie er mit wenig Gehabe und klarer Linie sein Wissen und seine Erfahrungen weitergeben kann. Es war für mich als Kind leicht verständlich, wie ich eine tolle Zeit mit meinem Opa verbringen konnte. Er hatte wenig Regeln, aber die waren nicht diskutabel. Es ging um die Einhaltungen gemachter Zusagen, und einigen anderen Dingen, dieihm am Herz lagen. Heute würde ich sagen, es ging um „Vernunft“. Vernunft im Sinne meines Opas steht nicht im Widerspruch zu Spaß – aber das ist eine andere Geschichte.

Es war ein warmer, aber verregneter Tag. Wir waren bei Omma und Oppa eingeladen. Ich stand heute im Mittelpunkt. Morgen werde ich eingeschult. Entsprechend rechnete ich mit einem schönen Tag, vielleicht gibt es schon heute Geschenke und sicher hat Oma einen Kuchen gemacht.

Angekommen; wurde schnell klar, dass ich mein Geschenk erst morgen bekommen werde. Kuchengab es. Mein Lieblingskuchen. Mohnkuchen. Omma hat immer gesagt: „Mohn macht dumm.“ Unddann gab sie mir ein Stück Mohnkuchen. Direkt nach dem Kuchen bat Oppa mich, mit ihm in denGarten zu gehen. „Aber es regnet.“ „Das macht nichts.“ Wir gingen in den Garten und er setztesich auf die Bank neben der Gartenlaube. Der Dachvorsprung aus rot gestrichenen Brettern sorgte

dafür, dass wir im Trockenen saßen. Mit der Handbewegung, wie man eine Dame in ein Zimmer empfängt, bat er mich zu sich auf die Bank.

Er drehte sich ein Stück zu mir und schaute mich an. Mein Opa hatte so eine Art, dass ich schon als Kind wusste, wenn es um was Ernstes geht. Man wartete förmlich darauf, was er sagen will; für einen Spannungsbogen brauchte mein Opa keine Worte.

„Morgen wirst Du eingeschult“, leitete er ein. „Da ist es meine Pflicht, dir heute noch einen wichtigen Trick zu sagen“. Er sagte Trick, nicht etwa Weisheit oder Lektion, dann wäre es ja auch für mich in dem Alter nicht spannend gewesen. Opa wusste die richtigen Worte zu finden.

„Ab morgen bist Du dafür verantwortlich, was Du sagst!“

Wie jetzt? Dafür waren wir in den Garten gegangen?

Bevor ich meine Verwunderung über diesen Quatsch los werden konnte, fing Opa an, mir das zu erklären. Jedes Kind mit fünf Jahren; ich bin früh eingeschult worden, das wollte Mama so, hat doch schon gelernt was man sagen darf und was nicht.

„Leider sagt einem in der Schule keiner, wie wichtig das ist. Und das ist so schwer, dass man seinganzes Leben dafür lernen muss.“ Als Opa das sagte schaute er sehr ernst. Nicht böse. Aber ich konnte jetzt auch nicht mehr sagen, dass ich das für Quatsch halte.

Mehr wollte er mir an dem Tag nicht sagen. Ich hielt mich für so schlau, dass ich der Überzeugung war, mein Opa hat mir gar nichts beigebracht. Das kann ich ja schon.

Ein paar Wochen später, ich hatte schon erste Freunde in der Schule gefunden rief Opa an. „Was macht die Schule?“ Ich erzählte ihm von meinen Klassenkameraden, von der Lehrerin, Frau Baumann und von den ersten Dingen, die ich schon gelernt habe.

„Konnte Dir mein Trick schon helfen?“ fragte er.

Ich konnte ja unmöglich meinen Opa sagen, dass der Trick totaler Quatsch ist. Also suchte ichnach Worten und sagte: „Ja. Ich weiß, ich bin verantwortlich, was ich sage.“

„Wann hat es nicht geklappt?“ fragte er.

Nachdem ich zweimal nachfragen musste, um die Frage zu verstehen, sagte ich, dass ich an dem einen Tag in der Pause beim Fußballspielen wütend war und unseren Torwart so beschimpft habe, dass es mir nachher leid tat.

Opa schimpfte gar nicht. Er sagte: „Super“ – dann kam eine lange Redepause. „Super, du hastschon gelernt, dass es schwer ist, das richtige zu sagen, wenn man wütend ist.“ Und er fügte hinzu: „Dann gilt ab jetzt;

du bist dafür verantwortlich, was Du sagst – auch wenn Du wütend bist!“

Das war natürlich schon schwieriger. Und ich habe auch tatsächlich ein paar Mal, wenn ich mal wieder wütend war, an meinen Opa gedacht.

Es folgten etliche Telefonate. Das wurde zu einem Spiel, wie „ich packe in meinen Koffer“.Am Ende der Grundschule hieß der Satz:

„Ich bin dafür verantwortlich was ich sage, auch wenn ich wütend bin, wenn mir was weh tut, wennich mich ärger, wenn ich übermütig bin und auch wenn ich einen Spaß machen will“.

Meine Grundschule lief gut. Ab Morgen geht es zum Gymnasium. Meine beiden besten Freunde gehen auch auf ein Gymnasium; aber ein anderes. Papa wollte, dass ich zu der Schule gehe, wo auch meine Schwester ist. Das wäre jetzt gar keine Mädchenschule mehr, sagte er. Das sich hinter dem Satz die Aussage verbarg, dass ich in der ersten Klasse der Schule bin, in der auch Jungen sind, hatte er so nicht gesagt. Wir waren 300 Schüler – davon vier Jungen. Einer davon war ich. Ich kann besser Gummitwist als jeder andere Junge in Gelsenkirchen; aber auch das ist eine andere Geschichte.

Vor dem ersten Tag auf dem „Gümmi“ – so nannten wir das Gymnasium – sollte ich bei Oma und Opa vorbei. Ich hätte es mir denken können, aber vor lauter Nervosität um den Schulwechsel bin ich unvoreingenommen mit dem Fahrrad nach Gelsenkirchen-Horst gefahren. Ich klingelte an der Tür und Oma machte die Tür auf.

„Wo ist Opa“

„Er wartet im Garten auf dich“

Der Groschen ist gefallen. Morgen eine neue Schule, Opa hat noch was auf dem Herzen.

Er saß auf der Gartenbank und sah mich kommen; mit dem Gesichtsausdruck, als hätte er brennend darauf gewartet, dass ich komme.

Ich setzte mich zu ihm auf die Bank. Er machte schon fast einen nervösen Eindruck.

Kennst Du die Sätze, die mit deinem Vornamen, dann einer langen Atempause, die gar nicht enden will, anfangen?

„Eckhard“ sagte er, er atmete tief ein, ich hielt die Luft an.

„Ab Morgen bist Du dafür verantwortlich, was die Menschen verstehen, wenn Du was sagst!“

Ach du Scheiße. Wieder so ein Trick, den ich nicht verstehe.

Bevor ich jetzt hier Seitenweise die einzelnen Lehrstunden zu dem Thema aufschreibe. Als ich in die Oberstufe kam, war mein Satz:

„Ich bin dafür verantwortlich, was die Menschen verstehen, wenn ich etwas sage – auch wenn ich wütend bin, wenn mir was weh tut, wenn ich mich ärger, wenn ich übermütig bin und auch wenn ich einen Spaß machen will“ hinzu kam „ und auch wenn die Menschen mich nicht so verstanden haben, wie ich es gemeint habe, wenn sie mich mögen und auch wenn sie mich nicht mögen!“

Keiner wird diesem Anspruch immer gerecht. Aber mein Opa hat es in vielen Treffen auf der Gartenbank geschafft, dass ich mir das zu Herzen nehme.

Der eine oder andere Leser mag sich fragen, was das mit Krisenkommunikation zu tun hat.

Sie beginnt, so meine feste Überzeugung, fast immer, wenn jemand dieser Verantwortung nicht gerecht wurde.

Das Wichtigste kommt zum Schluss.

Es war der Tag vor meinem achtzehnten Geburtstag. Heute Abend kommen meine Freunde, wir werden rein feiern. Entsprechend hatte ich noch mit den Vorbereitungen zu tun.

Es klingelte an der Tür.
„Eckhard, Opa ist da“, rief meine Mutter.

Ich lief die Treppe rauf – zu der Zeit wurden Geburtstage noch im Partykeller gefeiert – und stand fragend vor Opa.

Das Bild werde ich nie vergessen. Er hatte zwei Flaschen Bier in einer Papiertüte, die er mir zeigte. Er ist ein alter Mann geworden; aber er konnte immer noch diesen schelmischen Gesichtsausdruck,wie man ihn sonst nur von Kindern kennt. „Komm wir müssen auf die Gartenbank, ein Bier zusammen trinken.“

Noch nie kam mein Opa einfach so, noch nie hat er mich abgeholt und schon gar nicht hatte ich in meinem Leben schon einmal ein Bier mit meinem Opa getrunken.

Ich zog meine Schuhe an, folgte ihm schweigend und selbstverständlich zum Auto, nahm die Papiertüte auf den Schoß und wir fuhren ohne ein Wort zu sagen nach Horst. Als wäre das alles selbstverständlich.

Er lies mich aussteigen, fuhr den kleinen Audi in die Garage, stieg aus und wir gingen zum Haus. Erschloss die Tür auf, rief „wir sind da“, ging durch zur Küche, drehte sich vor der Tür, die in denGarten führt zu mir um: „Glas?“ „Nein Flasche.“

Alles gesagt.

Wir setzen uns auf die Gartenbank, wie immer, er links ich rechts. Die Zeremonie war mir ja schon bekannt. Er drehte sich zu mir und holte tief Luft. Es war klar, dass er einen neuen „Trick“ für michhat. Mit fast Achtzehn fühlt man sich auch noch verpflichtet zu Anstand und Respekt. Und das ist gut so.

„Verantwortung tragen ist besser und wichtiger als Recht haben!“

Mein Opa ist kurze Zeit später gestorben. Der beste Opa der Welt.

Ich lerne immer noch an seinen Lektionen und werde damit auch nicht aufhören. Ich würde ihm gerne sagen, dass ich jetzt auch weiß:

„Aufrichtig um Entschuldigung bitten, ist wertvoller als Recht haben wollen.“

und

„Haltung und Meinung ist mächtiger als Geld und Einfluss.“

Dann wäre er vielleicht stolz auf mich.
Und noch was – ich trinke nie Flaschenbier aus einem Glas! Euer
/Eckhard Klockhaus

Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

(Info) Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich in meinen Blogs meist männliche Substantive. Das schließt die weibliche Form der Begriffe jedoch selbstverständlich mit ein.

(Teaser) Krisenkommunikation. Mein Opa kannte kein Twitter und Facebook. Aber er konnte mir viel dafür beibringen. Und manchmal ist es sinnvoll sich daran zu erinnern.

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